„Agenda Farbe“

Interview, uncut

Herr Vertretungsprofessor Timo Rieke, warum ist die Farbauswahl in allen Bereichen unseres Lebens wichtig?

 

Viele Menschen halten Farbe für überflüssig. Und tatsächlich kämen wir durchaus ohne Farbe aus. Viele Aspekte des Lebens funktionieren auch in Graustufen, Schwarz und Weiß.

 

Ich halte Farbe dann für außerordentlich wichtig, wenn sie Kommunikation für Menschen erleichtert. Und das ist eigentlich ständig der Fall. In vielen Fällen ermöglicht allein Farbe das Finden, Identifizieren und Erkennen eines Sachverhaltes oder einer Emotion. Produkte im Supermarkt allein über Schrift und Typografie zu unterscheiden ist vorstellbar. Es ist allerdings davon auszugehen, dass der Einkauf dann ein Vielfaches an Zeit in Anspruch nehmen würde. Farbe schafft Ordnung, und Ordnung schafft Orientierung.

 

Die Stärke der Farbe liegt in der schnellen Vermittlung eines Codes, der weitgehend unbewusst funktioniert. Wir nehmen die Bedeutung der Farbe an, als wäre sie bereits immer da und eine ganz natürliche, unmittelbare Wahrnehmung. Daher können wir auch so schlecht unterscheiden, ob Farbbedeutungen angeboren sind oder nicht. Es ist eher wie bei der Sprache. Die Fähigkeit zu sprechen ist angeboren, die Anwendung der komplexen Bedeutungen von Sprache müssen wir allerdings Stück für Stück erlernen. So verstehen wir je nach Erfahrungsgrad die farbigen Signale von Äpfeln, reifen Bananen oder Schokoladenverpackungen, Ampeln, Parteien oder Markenidentitäten und Corporate Colors.

 

Farbe und ihre Nuancen definieren gesellschaftliche Riten, technische Funktionalitäten, Geschmacksfragen, Produkterwartungen, Geschlechterrollen, Haptik und Feingefühl sowie gesellschaftliche Klischees und Zugehörigkeiten. Die Farbauswahl ist deshalb in allen Bereichen des Lebens wichtig, weil Farbe ein entscheidender Faktor zur erfolgreichen Orientierung innerhalb unserer Gesellschaft ist.

 

 

An vielen deutschen Hochschulen kann man Kommunikationsdesign studieren, ein Studiengang, der in der Regel auch den Lernbereich Farbdesign abdeckt. Was ist das Besondere am Hildesheimer Spezial-Studiengang?

 

Normalerweise ist Farbe ein mehr oder weniger kleiner Punkt im Curriculum des Kommunikationsdesigns oder der Architektur. Für uns ist Farbe der Mittelpunkt, von dem aus wir unsere Fühler in Richtung Innenarchitektur, Lichtdesign, Ausstellungsgestaltung, Produktdesign, Grafik Design, Architektur oder Wissenschaft ausstrecken. Wir isolieren den Mehrwert Farbe in diesen Bereichen und setzen uns systematisch mit der Rolle der Farbe und Oberfläche innerhalb komplexer Projekt- oder Objektszenarien auseinander. Die Komplexität des Gebietes begründet die Besonderheit Farbdesign in Hildesheim.

 

Was können die Studenten bei Ihnen lernen?

 

Studenten lernen bei uns als allererstes, dass Farbe nicht verwechselt werden darf mit Buntheit. Zweitens lernen unsere Studentinnen, dass Farbdesign keine Kunst ist, sondern eine strategische Methode, mit Hilfe von Farbe die funktionale, emotionale und kulturelle Essenz einer Oberfläche, einer Kollektion, eines Produktes, eines Raumes oder eines farbigen Objektes zu definieren und zu unterstreichen. Dazu gehört das Wissen über die Erforschung der Vergangenheit, der Definition von Gegenwart und der Vorstellung der Zukunft.

Unser Curriculum beginnt mit den Grundlagen in Farbe, Struktur, Oberfläche, geht über Innenarchitekturbasics sowie die Theorie Farbe/Licht und das Trendscouting bis zum Surface Lab (Farbkommunikation & Farbszenarien). Nach den Projektarbeiten (Produkt/Objekt/Raum) der Zukunftswerkstatt Farbe folgt die Abschluss-Thesis im Bachelor of Arts. Das vollständige Curriculum endet mit der interdisziplinären Zukunftsforschung Farbe im Masterstudium. Zusammengefasst: Studentinnen lernen bei uns sensibel und strategisch mit Farbe umzugehen und diese zielgerichtet einzusetzen.

 

Bisher gibt es das Bachelorstudium Farbdesign in dieser Form nur in Hildesheim. Rechnen Sie damit, dass andere Hochschulen nachziehen?

 

Das Interesse an Farbausbildung steigt in jedem Bereich des Designs oder der Architektur. Inwieweit andere europäische Hochschulen mit einem Vollstudium Farbe nachziehen, kann ich nicht gänzlich beantworten. Ich weiß aber, dass das Netzwerk Farbe im deutschsprachigen Raum zusammenwächst und wir die guten Verbindungen zur Badischen Universität Wuppertal und anderen Hochschulen intensivieren. Zentraler Punkt an dem wir diese Fragen diskutieren ist das Deutsche Farbenzentrum e.V. (DFZ) und seine Tagungen. Die diesjährige Tagung findet übrigens im September an der Universität Tübingen statt.

 

Der Schwerpunkt unseres Institute International Trendscouting an der HAWK Hildesheim (IIT) liegt derzeit auf dem Ausbau der externen akademischen und zertifizierten Weiterbildung im Bereich Farbe für bspw. Architekten und das Handwerk. Das Bachelorstudium hat die Studienzeiten in den Designdisziplinen und in der Architektur zum teil drastisch verkürzt und damit den Input Farbe ganz im Gegensatz zum Bedarf ziemlich verkümmern lassen. Die Weiterbildung im Bereich der sogenannten Softfacts wird eines der wichtigen Entwicklungen der Bildungslandschaft in den nächsten Jahren sein. Farbe und gestalterische Qualität wird wichtiger und zunehmend zu einem Kriterium, über das Mehrwert verkauft werden kann. Das gilt nicht nur für die akademischen Berufe sondern besonders für das Handwerk, für das ich in dieser Entwicklung eine große Chance sehe.

 

Welche Berufsmöglichkeiten haben Farbdesigner, wenn sie ihre Bachelorurkunde in der Tasche haben?

 

Der Bereich der Berufsmöglichkeiten ist sehr groß, und abhängig vom Schwerpunkt der Studierenden. Farbdesigner arbeiten angestellt oder selbständig für Agenturen, Designabteilungen oder (Innen-) Architekturbüros sowie in den Designteams der Industrie. Das bedeutet in der Automobilindustrie, der Textilindustrie, bei Bodenbelagsherstellern, Tapetenfirmen oder der Farbindustrie, usw.

 

Im Studiengang Farbdesign spielt auch das Thema Trendforschung eine wichtige Rolle. Wie entsteht ein neuer (Farb-)Trend? Wer gibt dafür die Impulse?

 

Es ist nicht zu sagen, wann ein neuer Farbtrend beginnt oder wer die entscheidenden Impulse gibt. Wir können aber feststellen, dass Farbtrends existieren und Einfluss auf verschiedene Lebensbereiche im privaten und öffentlichen Bereich haben. Sie steuern Verkaufsentscheidungen im Bereich Textil, Produkt, Wohnraum oder Office. Trendfarben zeigen, dass etwas neu und attraktiv ist, sie individualisieren und wirken am Point of Sale besonders anziehend. Der Sinn neuer Farbkollektionen ist es oft, die Aktualität einer Kollektion zu unterstreichen. Zudem ist der Einsatz von Farbe meist kostengünstig zu bewerkstelligen. Dabei gibt es, wie in allen gesellschaftlichen Bereichen, einflussreichere und weniger einflussreiche Faktoren.

 

Auf der einen Seite sind Farbtrends ein kommunikativer Prozess. Es gibt spezialisierte Trendagenturen, Trendberichte der Industrie, trendsetzende Jungdesigner und traditionelle, einflussreiche Hersteller und die verbindenden Medien. Man trifft sich auf Messen und diskutiert die aktuelle Lage. Das ist dann ein sich wiederholender, perpetueller Prozess, mit immer neuem Ausgang.

 

Auf der anderen Seite können Trends auch analytisch wissenschaftlich betrachtet werden. Das ist vielleicht weniger künstlerisch-experimentell, jedoch zielgerichtet und planbar und im Endergebnis durchaus progressiv und sehr kommunikativ (lacht). In Hildesheim führen wir komplexe Studien durch, welche die Aspekte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenbringen. Auf Basis von breit angelegten, themenbezogenen Zyklenbetrachtungen der Vergangenheit und halbjährlichen Scoutings der Trends der unmittelbaren Gegenwart entwickeln wir Szenarien und experimentelle Produkte für eine mögliche und wünschenswerte  Zukunft. Das kann ganz allgemein mit Hinblick Farbe passieren, aber auch mit Hinblick auf ein ganz bestimmtes Produktsegment. Aktuell bearbeiten wir eine Studie zu Fassade und Putz (rendering/CODES) sowie der Oberfläche der Zukunft (Surface Lab V). Unsere Studie „Farben des Wohnens“ läuft bereits seit über zehn Jahren und wird kontiniuierlich erweitert. Bis jetzt sind wir bei einem Zyklenzeitraum von 1955 bis 2015. Dazu arbeiten wir als Institut mit Herstellern im Segment Farbe, Boden und Wand, etc. zusammen.

 

 

Welche Wirkung hat Farbe auf unser Wohlbefinden, unser Verhalten und unsere Stimmung und wie wird sie gemessen?

 

Farbe ist schreiend und flüsternd, weich oder hart, leicht oder schwer, duftend oder riechend, süß oder sauer, nah oder fern, jung oder alt. Farbe vereint Eigenschaften aus allen menschlichen Sinnen und bildet damit eine Metaebene, die alle Formen der visuellen Kommunikation beherrscht.

Farbe beeinflusst die Wirkung von Typografie und Illustration, analoger und digitaler Grafik, Fotografie und Film, Markenbotschaften und Corporate Identities, Werbung, Produkt- und Verpackungsdesign, sowie Ausstellungen, Innenraumgestaltung und Architektur. In verschiedenen Umfragen nennen Konsumenten Farbe als eines der wesentlichsten Entscheidungskriterien für ein Produkt.

Eine Welt ohne Farbe hätte weitreichende Folgen. Denn Farbe kommuniziert Bedeutungen, die uns das schnelle Erkennen von Botschaften ermöglicht. Besonders in der Fähigkeit zur differenzierten Unterscheidung liegt der Mehrwert von Farbe. Wer Farbe lesen kann, erkennt unterschiedliche Produktqualitäten wie Frische und Geschmack oder Materialität bereits von weitem.

Ähnlich wie die Sprache haben wir die Bedeutung von Farben zum großen Teil erlernt. Allerdings nicht durch den bewussten Umgang mit Buchstaben und Worten, Grammatik und Satzbau, sondern zum allergrößten Teil durch das unbewusste Beobachten und Verinnerlichen der Welt, die wir mit unseren angeborenen Sinnen aufnehmen. Daher ist die Bedeutung von Farbe anders als schriftliche Botschaften ungleich subtiler und schwerer zu entschlüsseln. Das Sehen von Farbe gleicht einer Sprache, die wir zwar irgendwie verstehen, deren Grammatik wir in den meisten Fällen aber nicht kennen.

 

Gutes Farbdesign ermöglicht lesbare und identifizierbare Objekte und Räume in beinahe allen Lebensbereichen. Identifizierbar bedeutet, diejenigen Farben und Materialien auszuwählen, welche die Essenz des Objektes oder Raumes im zeitlichen und räumlichen sowie funktionalen Kontext unterstreichen. Durch die Anwendung spezifischer Methoden des Farbdesigns können wir die Codes oder die Sprache der Farbe kontextgebunden an die Gegenwart und mögliche Zukunft anpassen. Messen können wir das an der Akzeptanz unserer Räume und Produkte.

 

Womit hängt die Reaktion des Menschen auf Farben zusammen?

 

Wir alle wachsen mit sehr ähnlichen Sinnesorganen, in einer prinzipiell sehr ähnlichen Umwelt auf, welche die Signale der Farbe über Jahrzehnte gesellschaftlich erprobt und kultiviert hat. Wir sind in unserer farblichen Bildung allerdings keineswegs allein, sondern stehen in einem dialogischen Gleichgewicht mit anderen. Das geht so weit, dass das Fernsehen und andere Medien unsere Erfahrung mit Farbe beeinflussen und dazu beitragen, dass wir unsere internen Farbcodierungen der Zeit anpassen. Tatsächlich sind die Bedeutungen der Farbe nicht final angelegt sondern mehr oder weniger flexibel und veränderlich. Die Reaktion des Menschen auf Farbe hängt einfach von der Erfahrung, die er mit dieser Farbe gemacht hat zusammen. Zeitgleich beeinflusst der Kontext in dem sich die Farbe befindet die Wahrnehmung selbst. Sie sehen, es gibt hier keine einfache Antwort. Nicht die Farbe ist der Auslöser von Reaktionen, der Mensch bringt seine eigene Reaktion selbst hervor. Farbe ist immer reflexiv und selbstreferentiell.

 

Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Verbindung von Farbwahrnehmung und Oberflächenanmutung, von Farbe und Haptik. Wie hängen diese beiden Bereiche zusammen?

 

Die Bedeutung von Farbe wird verständlich, wenn wir begreifen, dass Menschen farbige Szenarien immer mit Erinnerungen oder Sehgewohnheiten abgleichen. Das passiert meist unbewusst, ist aber über die lange Zeit des Aufwachsens und Sozialisierens geprägt. Grau-Beige-Töne erinnern an Sandstein, dunklere Brauntöne an Erden, Grün an Blätter, etc., Pink wird oft mit Kunststoffen in Verbindung gebracht. All diese Erfahrungen sind intermodal mit haptischen und taktilen Empfindungen verknüpft. Ein frisches Blatt fühlt sich anders an als Sandstein, Erde anders als Kunststoff. Über die Farbe können Materialeigenschaften eines Objektes definiert werden. Ein schwarzer Karton wirkt schwerer als ein weißer, eine rosafarbene Form wirkt weicher als eine dunkelgraue.

 

Essentiell für die Arbeit mit Farbe ist das Bewusstsein über das zu färbende Produkt. Wenn ich Kategorien festlegen kann, die ein Produkt erfüllen soll, so fällt es relativ leicht, eine passende und unterstützende Farbe auszuwählen. Wichtig ist das Bewusstsein, dass die Bedeutung eines Produktes durch die Anwendung von Farbe enorm veränderlich ist. Mir ist es wichtig, Farbe integriert anzuwenden und als eine Information zu begreifen, die 1. rein optisch wirkt, die 2. alle Sinne mitnimmt und die 3. eine kulturelle Bedeutung hat.

 

 

Was hat sich in den 40 Jahren, die der Studiengang jetzt besteht, verändert? Gibt es einen Wandel in der Gesellschaft im Hinblick auf Farbempfindung und Farbverständnis?

 

Vor 15 Jahren wurden noch handwerkliche Oberflächentechniken gelehrt, heute ist das Studium fast ausschließlich digital. Mit dem Zusatz, dass das Zusammenspiel und die Übersetzung analoger und digitaler Aspekte prägend für das Farbdesign bleibt. Aber: Statt mit der Rolle arbeiten wir heute mit dem Sublimations-Drucker, statt Scrafitto-Techniken lasern wir heute MDF und Plexiglas. Im Vordergrund stehen nach wie vor Farbkonzepte, Projektentwicklung und Farbplanung. Die Tools haben sich geändert. Durch neue technische Möglichkeiten wird Farbdesign im Feld von Individualisierung und Kleinserie an Bedeutung gewinnen. Besonders in Zeiten in denen zunehmend jeder digital gestalten kann, werden durchdachte, sensible und verlässliche, modulare Designkonzepte wichtig. Dazu wird auch das Farbdesign verstärkt serviceorientiert. Wir verkaufen heute keine Farbe mehr, sondern Erlebnisse. Storytelling, Moodmanagement, Color-Consulting und Service-Design prägen das Farbdesign der Zukunft. Trends wie Neuromarketing oder Sensory Branding entdecken das multisensuelle Potential der Farbe gerade erst.

 

Wie entsteht die Vorliebe für eine bestimmte Farbe? Ist das angeboren oder aus dem kulturellen Kontext heraus zu erklären?

 

Diese Frage ist schwer zu beantworten ohne einen Farbkontext zu kennen. Aber: Das Spektrum der Farbvorlieben oder Lieblingsfarben ist in der Regel auf Rot, Grün, Blau und Schwarz beschränkt. Ich aber möchte gern wissen: Was genau ist das für ein Rot, welche Materialität und sensuelle Qualität verbindet ihr damit? In welchem Kontext seid ihr dabei unterwegs? Beschreibt ihr euch über die Farbe selbst oder einfach den aktuellen Lieblingspullover? Ehrlich gesagt, ich weiß nicht genau was eine Farbvorliebe ist, ohne einen Kontext zu kennen. Farbe für sich ist irrelevant, so wie einzelne Buchstaben nichts bedeuten.

 

Wie ist Ihre Prognose für die Farbtrends der nächsten Jahre? Gibt es Farben, die absolut „out“ sind?

 

Die Zukunft stellen wir uns immer bunt vor. Mal blassbunt, mal knallbunt. Die Realität sagt etwas anderes. Die Gegenwart ist unbunter als Sie denken. Zukunft ist folglich „in“ Gegenwart ist „out“. Farbtrends wecken bestimmte Erwartungen an eine farbige Zukunft. „Out“ ist es, nicht in Farbe zu denken.

 

Was ist Ihre ganz persönliche Lieblingsfarbe?

 

Sanft, auffällig und wachsend.

 

Timo Rieke im Interview mit „Agenda Farbe“ Januar 2016

Timo Rieke lehrt seit 2011 als Vertretungsprofessor Farbdesign an der HAWK in Hildesheim. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Verbindung von Farbwahrnehmung und Oberflächenanmutung sowie Farbe und Haptik in den Bereichen Produkt/Objekt/Raum. Er ist Mitglied des Vorstandes des Deutschen Farbenzentrums e.V. (DFZ) und Teil des Institute International Trendscouting (IIT) in Hildesheim sowie Gründer des Visual Haptics Lab in Hannover.