Farbe im Kontext ‚Retail‘

Interview Juli 2020

greenbild_Timo Rieke

Die Farbe Grün im Kontext Retail

Grün ist unsere erste Idee, wenn Sie nach der Farbe der Natur fragen. Das ist nicht verwunderlich, da Natur uns vor allem im wachsenden Grün der Wiesen und Wälder begegnet. Die Farbe, wie sie aus dem Eimer kommt hat mit diesem Eindruck hingegen wenig zu tun. Das Grün, mit dem Sie ihre Wand streichen vermittelt eher Künstlichkeit als Natürlichkeit, weil sie eine homogene Fläche vor sich haben, welche die Kleinteiligkeit und das Licht-Schattenspiel der Natur vermissen lässt. Interessant wäre auch welches Grün Sie vor Augen haben, wenn sie von Grün sprechen. Es gibt sehr natürliche Grüntöne und unnatürliche Grüntöne. Dann kommt es auf den Untergrund oder die Oberflächengestaltung an, die Quantität der grünen Fläche im Raum und die Kombination mit anderen Farben und Materialien. Weiters sind funktionale Reize (Wege- und Blickführung), sensuelle Empfindungen (ästhetische Anmutung) und kulturelles Erkennen (z.B. Analogien und Zitate regionaler Kultur) für die Deutung der Farbaussage wichtig. Das beinhaltet den Faktor der Zielgruppe. Wen möchten Sie mit welchem Grün ansprechen? Welche Altersgruppen werden angesprochen, welche gesellschaftlichen Milieus, welche Preisklasse haben Sie im Blick. Eine komplexe Frage also, die den Kontext der Verwendung nicht außer Acht lassen kann. Im Allgemeinen kann ich sagen, dass sehr bunte Grüntöne für die meisten Stores im Eco-Bereich nicht immer die richtige Wahl sind. Sie sind dann die richtige Wahl, wenn Sie von Weitem darauf aufmerksam machen wollen, dass es hier etwas Natürliches zu sehen gibt (sie setzen mit dem Grün ein optisches Signal). Im Raum selber sollten Sie einen anderen Maßstab verwenden, den Maßstab des Anfassens und des Materials. Hier werden natürliche Materialien wichtig, im Kombination mit blickführenden Auszeichnungsfarben. Die verwendeten Farben können auch angelehnt sein an natürlichen Materialien. Holziges Beige, erdiges Ocker oder sandiges Rosé. Um präziser in der Farbwahl zu werden, wechseln Sie wieder den Maßstab der Farbwirkung und formulieren die Wünsche der Zielgruppe in dem sie kulturell erlernte Farbcodes verwenden. Manche Grüntöne haben eine eigene, wiedererkennbare Geschichte, wie zum Beispiel ‚Racing Green‘, andere sind klassische englische Innenraumfarben, andere haben regionale Bezüge (z.B. wird im süddeutschen Raum eher Sandstein verwendet, im norddeutschen Raum eher Backstein, auch verwendete Holzarten können regional unterschiedlich sein). Überlegen Sie sich hier die Botschaft und die Werte, die Sie setzen wollen. Es gibt zum Beispiel klassische Farbpigmente natürlichen Ursprungs, die sich für ein Konzept der Natürlichkeit sinnvoll einsetzen lassen. Vermeiden Sie glänzende Latexfarbe, auch wenn diese als besonders abwaschbar gilt. Orientieren Sie sich außerdem an der Farbverwendung der Marktbegleiter oder der Anbieter ähnlicher Produktphilosophien und fügen Sie ihren Markencode hinzu um identifizierbar bzw. wiedererkennbar  zu werden. Stellen Sie sicher, dass ihre Zielgruppe den Farbcode versteht, bzw. dass sie verschiedene Milieus mit einzelnen Elementen ansprechen.

Farbtrends im Bereich Shopping

Farbtrends in den Stores sind so vielfältig wie die Modewelt. Markenkonzepte werden in passende Raumatmosphären übersetzt. Dazu gehören eigene Farb- und Materialkonzepte. Atmosphärische Gestaltung sehen wir schon seit einiger Zeit. Im Allgemeinen sehen wir weiters eine Tendenz zum Wohnlichen. Stores sind heute Aufenthaltsorte und keine Kaufplätze. Die Inneneinrichtung wirkt sich positiv auf die Marke und die Produktwahrnehmung aus. Dank Kleinserienproduktion von Schichtstoffen sind hier auch für kleinere Marken Spielräume möglich. Weiters sehen wir eine Zunahme regionaler Bezüge in der Innenarchitektur. Die internationalen Storekonzepte mit immer gleicher Ausstattung gehören seit einiger Zeit der Vergangenheit an. Mindestens Teilbereiche der Shops, wie Eingangsbereiche oder Kassenbereiche oder Umkleiden, werden an regionales Material, regionale Muster und Farben angepasst. Dazu gehört es auch, das Gebäude, in dem der Store eingerichtet wird, in der Innenarchitektur zu berücksichtigen. In einem Gebäude der 50er Jahre hätten Sie möglicherweise ein anderes Farb-Material-Konzept als in einem Gebäude der Jahrhundertwende um 1900. In unserem Trendbericht, den wir zusammen mit RAL Farben produzierten, weisen wir darauf hin, dass die Verbindung von Digitalität und Authentizität eine Renaissance erfährt. Wir suchen eine neue Anmutung des Digitalen in der realen Welt. Aus der Entwicklung des Digitalen formt sich ein Trend hin zu vertrauten Farben und Formen. Die Einfachheit und Reduktion purer Formen und sanfter, fast perfekt erscheinender Oberflächen verbindet sich mit Impulsen aus unterschiedlichen, nebeneinander existierenden Ethnologien. Hierbei entsteht ein authentischer Mix aus bekannten Vorbildern aller Kulturen und Epochen bis in die 60er Jahre, der uns eine vertraute, ehrliche Geschichte neu erzählt. Ähnlich der Epoche der Renaissance im 15./16. Jh. entsteht nun ein Umbruch, bei dem individuelle, kulturelle Werte wiederbelebt werden. Der Blick geht zurück auf eine idealtypische Welt und bedient sich an Inspirationen aus den Bereichen Handwerk, Tradition und Natur. Diese Impulse werden in fast perfekter und idealistischer Form in eine sanfte, reine Optik mit scheinbar makelloser Wirkung umgesetzt. In einer ungeordneten Welt, die bekannte Schemata mehr und mehr zu verlassen scheint, wirkt ein geordneter Blick zurück heilbringend und beruhigend. Die Welt des reBirth of Culture ist entsprechend sinnlich betont und vertraut. Neue Ästhetiken verbinden dabei die bekannte Sprache der Vergangenheit mit einer fortschrittlichen Zukunftsvision. Diese Entwicklungen kündigen sich durch die digitale Anmutung von Formen und Oberflächen an. Die Haptik ist nahbar, homogen und matt. Digitalität entwickelt sich von etwas Abstraktem hin zu einer menschlichen und optimistischen Ästhetik mit eigener, weicher Formensprache, die in der Oberfläche eine fast künstliche Perfektion aufweist. Inspiriert von der Vergangenheit verschmelzen zukünftige Technologien mit bekannten Designsprachen und menschlicher Realität. Das Design verliert sein Streben nach Materialgerechtheit und verbleibt in einfacher, beruhigender, hautschmeichelnder Haptik. Wir denken, dass sich das auch in der Pandemie nicht stark ändern wird. Die Gestaltung wird zugunsten der Reinheit und Puristik, erst etwas an Farbe verlieren und dann blumig, klar und bunt, lebensfroh erschienen.

Veränderungen auch Corona.

Wir wissen nicht, wie die Corona-Pandemie den Umgang mit Farbe verändern wird. Aus unserer Erfahrung heraus können wir aber mögliche Szenarien beschreiben und begründen. Es gibt Gestaltungskriterien, die sich nicht ändern werden, weil sie auf der menschlichen Wahrnehmung und der Art und Weise der Funktionsweise unserer Sinne aufbauen. Sinnlich-Ästhetische Kriterien bleiben also bestehen und werden im Zuge von Resilienz und Achtsamkeit sogar wichtiger. Gute Farbgestaltung dient den menschlichen Sinnen und kann eine vertrauensvolle, zum Produkt passende Atmosphäre erzeugen. Daneben werden funktionale Kriterien ebenso wichtiger, weil sie für Klarheit sorgen, die für vertrauensförderndes Einkaufen wichtig ist. Damit meine ich zum Beispiel Farb-Material-Unterscheidungen von Abteilungen angepasst auf die Zielgruppe, aber auch verständliche Leitsysteme und natürlich eine fördernde Arbeitsumgebung für die Verkäufer*innen. Die Trendthemen, welche in den Shops besetzt werden können sind vielfältig. Auf der einen Seite sehen wir sehr zurückhaltende, auf Echtheit und Authentizität gestaltete Farbgebungen und Farbkonzepte, die auf Nachhaltigkeit, Sinnlichkeit und Natürlichkeit aufbauen, auf der anderen Seite sehen wir blumige, bunte Farbprofile, die der Krise Agilität und Lebensfreude entgegensetzen. Shopkonzepte der Zukunft müssen so modular aufgebaut sein, dass sie mit wenig Aufwand auf Trends reagieren können, oder besonders zeitlos und wertig in der Anmutung sein. Um das zu erreichen braucht es herausragende Farb-Material-Licht-Raum-Konzepte, denn weder Farbe noch Licht noch physischer Raum können die Anmutung eines Raumes im Normalfall allein beherrschen. Es ist unmöglich pauschal zu beantworten, welche Farbe derzeit die ‚richtige‘ ist. Der Kontext in dem eine Farbe oder besser ein ganzes Farbprofil steht, ist bestimmend für die Passigkeit und die Argumentation einer Farbe.