„Farben im Büro“

Interview Impulse, uncut

  1. Wir wirken sich Farben auf unser Arbeitsverhalten aus bzw. Wie beeinflussen Farben unser Arbeitsverhalten?

 

Zuerst müssen wir mit einem Missverständnis aufräumen: Farben allein werden sich nie direkt und gezielt auf unser Verhalten auswirken. Sie müssen immer den Gesamtzusammenhang von Innenarchitektur, Lichtdesign sowie Farbe und Material berücksichtigen. Dann wird Farbe zu einem mächtigen Instrument. Leider wird die Farbe in diesem Trio oft vernachlässigt.

 

Farben wirken auf mehreren Ebenen: Sie können Funktionen visualisieren, sensuelle Empfindungen auslösen und kulturelle Werte vermitteln.

 

Funktional eingesetzt werden Farben zur Sicherung guter Ergonomie und Bedienungsfreundlichkeit. Die Funktion ist das Hervorheben oder Verstecken. Not-Aus-Schalter und Feuerlöscher sind grundlegende Beispiele für die funktionale Anwendung von Farbe im Arbeitsumfeld. Funktionale Bedeutung haben Farben aber auch, wenn Sie bestimmte, wichtige Bereiche in Ihrem Büro, wie den Empfangsbereich, hervorheben, oder andere, unwichtige eher verhüllen oder gezielt abgrenzen. Das trägt zur Lesbarkeit und Transparenz Ihrer Bürostruktur bei und erleichtert Abläufe.

 

Neben der funktionalen Bedeutung, sprechen Farben und farbige Materialien als Farb- und Materialkompositionen die sensuelle und emotionale Wahrnehmung des Menschen an. So können Sie Kommunikations- oder Konzentrationsbereiche und Regenerationsbereiche farblich differenzieren. Das unterstützt ein angemessenes, produktives Arbeitsklima ohne zusätzliche Belastung.

 

Zuletzt kann ein gutes Konzept kulturelle Werte wie Unternehmenshistorie und -philosophie, Status, Wertigkeit, Gruppen- oder Marken-Zugehörigkeit integrieren und in Farben und Farbklänge übersetzen. Das steigert die Identifizierbarkeit eines Unternehmens nach Innen und nach Außen.

 

 

  1. Was sagen gewählte Farben über ein Unternehmen aus – gegenüber einem Unternehmen mit weißen Wänden?

 

Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Ein weißer Raum kann sehr gut geplant sein und ein farbiger Raum abstoßend wirken. Die Qualität des Farb- und Materialkonzeptes in Zusammenwirkung mit der Art der Architektur, der Innenarchitektur und dem Lichtkonzept wäre hier für eine Aussage entscheidend. Ein neuer weißer Anstrich ist in einem Büro der 90er Jahre mit hochwertiger Raufaser vielleicht richtiger, als der Versuch, dieses Umfeld mit einem farbigen Anstrich irgendwie liebenswerter zu machen. Eine nicht zeitgemäße Gestaltung können Sie mit Farbe allein nicht retten. Ansonsten definiert das Unternehmen, welche Werte es in seinen Räumen spiegeln möchte. Für jedes dieser Werte lässt sich ein adäquates Farbkonzept entwickeln. Möglicherweise wird das auch mal cleanes Weiß oder elegantes Grau.

 

  1. Warum ist es wichtig, sich bei der Arbeit wohl zu fühlen?

 

Ich bin nicht sicher, ob es für alle Menschen wichtig ist. Ich selbst arbeite lieber in einem angenehmen Arbeitsumfeld. Und ich denke das geht den meisten Menschen ähnlich. Räume beeinflussen unser Empfinden enorm. Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt: „If you don`t like it, you don´t come again.“ Wenn der Arbeitgeber es nicht schafft, dass sich ein Angestellter wohl fühlt, dann läuft etwas falsch. Gut, nur zu einem extrem geringen Prozentsatz ist daran die Farbe der Wände beteiligt. Der Umgang des Unternehmens mit Raum, Licht, Farbe und Material spiegelt allerdings das Selbstbild und den Zustand eines Unternehmens und sagt oft sehr viel über die Unternehmenskultur aus. Nicht die Farbe ist die Ursache, sie ist das Symptom.

 

  1. Können Sie erläutern, wie Farben unterbewusst wirken?

Während unseres Lebens machen wir tausende Erfahrungen mit Farbe, mit Objekte, mit Räumen, ob in der Natur oder in urbanen Zentren. Ähnlich wie beim Erlernen von Sprache filtern und verinnerlichen wir die Codes, die Farbe spricht. Diese kumulierten Erfahrungen werden im Prinzip permanent abgerufen um die Umwelt um uns herum zu deuten und zu verstehen. Die Verknüpfung von Farbe und Atmosphäre oder Materialanmutung ist sehr tief in uns angelegt und die meisten Menschen gehen tatsächlich nicht bewusst mit dem Faktor Farbe um sondern reagieren eben auf die äußeren Reize. Diese entscheiden darüber, ob wir etwas mögen oder als stimmig, authentisch und qualitätvoll wahrnehmen, auch wenn wir garnicht erklären können, warum das so ist. Unsere Reaktion auf Farbe ist affektiv, so, wie wir affektiv auf Musik oder die Art und Weise von Sprache und Stimmungen reagieren.

 

  1. Welche Farbe hat welche Wirkungen – bzw. welche Farbkombinationen? Konkret: Welche Verhaltensweisen werden durch welche Farben angeregt?

Es ist im Vorhinein leider unmöglich zu sagen, welcher Farbton für einen bestimmten Zweck der richtige ist. Im Allgemeinen lassen sich funktionale Aspekte eher mit dem Kontrast von sehr auffälligen, intensiven Farben zu verschatteten oder getrübten Farben bewerkstelligen. Natürliche, getrübte und stark aufgehellte Farben wirken sensibler als kräftige Farben. Dunkel Farben wirken schwerer und tiefer, ruhiger. Die voll gesättigten Farben aus dem Farbkreis werden Sie in den Farbkonzepten zu Innenräumen nur als Auszeichnung oder Akzent finden, wenn Sie eine Farbe der Corporate Identity übernehmen. Diese Farben sind oft eher stark, weil sie Aufmerksamkeit erregen sollen. Im Arbeitsumfeld brauchen Sie meist Farben, die sich eher im Hintergrund bewegen und eine gute Basis schaffen.

 

  1. Sollte man darauf achten, welche Farbe ein Unternehmen wo einsetzt?

 

In einem sehr dynamischen Raum werden sie Schwierigkeiten haben, konzentriert zu arbeiten, Sie werden aber selbst offener, die eigenen, eingefahrenen Bahnen zu verlassen. Um kreativ zu sein, brauche ich ein anderes Arbeitsumfeld als für präzise, genormte Abläufe. Das anregende, kreative Umfeld, in dem Teams auf Ideen kommen, darf emotional, wild und bunt sein, das präzise Umfeld, ausführender, Konzentrationsarbeit Einzelner, zurückgenommen, kühl und funktional. Der kommunikative Bereich in Konferenzräumen ist lebendiger gestaltet als der Konzentrationsbereich der Büros oder kleiner Besprechungsräume, die farblich möglichst wenig ablenken. Der Regenerations- oder Pausenbereich erinnert im Kontrast dazu eher an Leichtigkeit, Natur, ein Spaziergang in Wald und Wiese.

 

Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, den Kundenbereich vom Mitarbeiterbereich klar zu unterscheiden. Im Bereich Kundenkontakt spielen Markenfarbigkeiten eine größere Rolle als im Mitarbeiterbereich, weil jeweils andere Kriterien anzusetzen sind. Der Kundenbereich kann atmosphärisch stark, abenteuerlich, bunt und einnehmend sein, während der Bürobereich eher nüchtern daher kommt. Aber auch da fließen inzwischen die Grenzen ineinander, denken Sie an das Google- oder Disney-Office von Clive Wilkinson.

 

  1. Wieso haben Farben überhaupt Auswirkungen auf unsere Emotionen?

 

Alles, was wir sehen, fühlen, hören, schmecken oder riechen hat Auswirkungen auf unsere Emotionen. Farbe verbindet das, ist schreiend oder flüsternd, weich oder hart, leicht oder schwer, duftend oder riechend, süß oder sauer, nah oder fern, jung oder alt. Farbe vereint Eigenschaften aus allen menschlichen Sinnen und bildet damit eine Metaebene, die alle Formen der Kommunikation beherrscht. Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Farben. Manches Arbeitsumfeld sieht tatsächlich so aus, als ob menschliche Emotionen und Bedürfnisse keine Rolle spielen.

 

  1. Was bedeutet es für die Mitarbeiter, wenn die Wände bunt und nicht weiß sind? Motivation, etc?

 

Das Unternehmen hat eine klare Vorbildfunktion. Wenn ein großes Büro gut gestaltet ist, dann kann das dazu beitragen, dass der Mitarbeiter die Werte des Unternehmens versteht, diese für sich umsetzt und in seiner Arbeit auch anwendet. Weiters kann durch ein gewisses, farbliches Reizklima, durch Kontraste in den Raumfunktionen und Raumsequenzen, ein Umfeld geschaffen werden, das abwechslungsreich ist und nicht ermüdet, sondern anregt.

 

  1. Was erhofft sich ein Chef dadurch, wenn er die Wände für das Empfinden seiner Mitarbeiter streichen lässt?

 

Der Chef sollte die Wände nicht streichen wie er denkt, dass die Mitarbeiter es gern hätten, das ist zu kurz gedacht. Die Farbgestaltung sollte aus Sicht des Chefs seine Firmenphilosophie wiederspiegeln und einen authentischen, ehrlichen Eindruck vermitteln. Durch Farbe lässt sich niemand manipulieren, aber die richtigen Signale lassen sich rausarbeiten, damit das Arbeitsumfeld produktiv und menschlich zugleich ist.

 

  1. Was sind eventuelle Vor- und Nachteile von bunten Wänden gegenüber weißen Wänden?

 

Weiße Wände sind undefiniert, das lässt zwar Raum für Phantasie, sie bleiben aber oft unentschieden und undefiniert, leer und lose. Farbige Wände haben das Problem der getroffenen Entscheidung. Wenn eine Wand farbig ist, dann muss der Farbton stimmen, sich in das Umfeld eingliedern, zum Unternehmen passen, Zonen definieren, den Mitarbeitern gefallen und am liebsten fünf Jahre in aller Frische halten. Farbige Wände haben den Nachteil, dass sie gewissenhaft geplant werden müssen. An guter Planung aber sehen Sie dann auch das (Selbst-)Bewusstsein eines Unternehmens. Das lohnt sich für alle.

Timo Rieke im Interview mit Impulse, Hamburg, Stand: 3.9.2016